Immer wieder gucke ich in erstaunte Gesichter, wenn ich erkläre, was genau ich bei Musicalproduktionen oft mache, denn den meisten Leuten ist meine Position im Ensemble kein Begriff.
Ich bin Swing.
Viele Musicalgäste fragen sich beim Durchblättern des Programmhefts, was das wohl ist, warum derjenige wohl nicht auf der Bühne war & was er überhaupt in der Produktion macht.

Um es kurz zu fassen, sage ich immer: Ich lerne alle Frauenrollen
Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Als Swing lernt man alle Ensembleparts, das heißt hauptsächlich Choreografien und Kleinrollen, die auf den sogenannten Ensemble-Tracks liegen.
Ein Track ist dabei gleichzusetzen mit einer Person.
Nehmen wir zum Beispiel an, in einem Ensemble sind 3 Personen – Tick, Trick und Track – es gibt 5 große Tanznummern, in denen jeder seine eigenen Positionen & im dümmsten Fall auch noch eigene Tanzschritte hat, dazu etliche kleine Solopassagen & verschiedene kleine Sprechtexte. – Ich kann sie alle. Wenn Tick, Trick und Track mal nicht da sind, übernehme ich ihre Positionen.

Sich das alles zu merken ist mal leichter, mal schwerer, je nachdem wie das Stück aufgebaut ist.
Eins ist aber immer sinnvoll: Den Kopf angeschaltet zu haben.

Als Swing stolpert man – vor allem wenn in den Proben noch nicht alles so eingespielt ist – oft über Kollegen & fabriziert Zusammenstöße, weil man sich einfach sooo viel merken muss.
Was besonders lustig ist, ist, wenn man auf die Bühne geht, der vollen Überzeugung „heute spiele ich Tick“ und dann mitten im Vorspiel der Musik merkt „Oh kacke, Tick ist ja da, dann bin ich wohl heute Track. Mist. Falsche Positionen angeguckt, falsche Schritte wiederholt. Naja, Augen zu und durch.“

Kolping_Promo-38Damit man immer die richtigen Positionen findet, gibt es die sogennante Swingbibel, in der alle Positionen markiert sind.
Nach ein paar Shows auf den verschiedenen Tracks, weiß man diese sowieso im Schlaf, aber die ersten Wochen in einer neuen Produktion sind Nervenkitzel pur.
Der Hasspart: „Und dann machen wir an der Stelle 4 Achten Freestyle“ – komplizierter als jede Choreografie. Denn wenn alles erlaubt ist, machen die Kollegen auch ALLES worauf sie Lust haben: Komplizierte Wege quer über die Bühne, verrückte Spiele mit irgendwelchen Requisiten… Sätze wie „…und dann läuft Tick zu mir rüber, gibt mir die Wurst, ich werfe sie in die Luft, schaffe aber nicht sie zu fangen, weil ich über Track stolpere und dann zur Drehbühne laufe, um mir die Blumen zu holen, die ich dann Trick gebe.“ sind dabei keine Seltenheit. Und diese Dinge muss man sich für jeden Track merken. Oder aufschreiben. Oder am besten beides 😉
Wenn alle gesund sind und niemand Urlaub hat, fühlt man sich manchmal sehr ungebraucht, aber wenn die Krankheitswelle zuschlägt, kommt der „Rise Of The Swings“. Es gibt auch sogenannte Cut-Shows. Das Publikum merkt davon meistens nichts, aber hinter der Bühne ist dann Action angesagt.
Ein Cut ist zum Beispiel dann, wenn Tick und Trick krank sind, aber nur ich da bin um beide auf einmal zu ersetzen und dafür dann eine Position gestrichen (gecuttet) werden muss.
Der Dance-Captain überlegt sich dann vor der Show, wie das möglichst unauffällig passieren kann und wer welche Aufgaben der beiden übernehmen muss, damit das Publikum die Show ganz normal sehen kann.

Für viele Darsteller wäre es der blanke Horror Swing zu sein, aber ich liebe es. Jeden Abend was anderes, keine Show ist gleich und es hält wach. So wird selbst eine Woche mit 11 Shows nicht langweilig…

Musical | Was macht eigentlich ein Swing?